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29.09.2018 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Von den Grenzen der Toleranz

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 30. September 2018 (Mk 9,38-43.45.47-48)

Jesus zeigt große Toleranz gegenüber allen, die wie auch immer das Gute tun. Wo es um das Böse geht, hat seine Toleranz klare Grenzen.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag,
30. September 2018 (Mk 9,38-43.45.47-48)

Wo sind die Grenzen der Toleranz? Was soll, ja muss man ertragen? Und was ist unerträglich? Toleranz kann eine Tugend sein, aber auch ein schweres Vergehen. Wir regen uns über Dinge auf, die wir ruhig tolerieren könnten, und schweigen zu Dingen, die ein Skandal sind. Wie so oft im Leben geht es um die rechte Unterscheidung, das richtige Maß. Jesus ist der große Lehrer der Unterscheidung. Sein Wort weist uns den Weg in vielen Situationen des täglichen Lebens, in denen wir prüfen müssen, wo Toleranz angebracht wäre und wo wir entschieden Nein sagen müssten.

 

Beide Situationen spricht Jesus im heutigen Evangelium an. Zuerst geht es um die Frage der religiösen Toleranz. Der Apostel Johannes berichtet Jesus von einem, der im Namen Jesu als Exorzist gewirkt hat, also Dämonen ausgetrieben hat. Die Apostel sind gegen ihn vorgegangen, wollten es ihm verbieten, "weil er uns nicht nachfolgt", also nicht zu ihnen gehört. Sie meinen irgendwie, dass sie Jesus "gepachtet" haben. Nur wer zu ihrer Gruppe gehört, ist sozusagen ein echter Christ, ein gültiger Anhänger Jesu. Sie wollen es nicht zulassen, dass auch andere Menschen sich auf Jesus beziehen können.

 

Im Kleinen wird hier das große Problem der religiösen Intoleranz sichtbar, das so viel Schaden anrichtet, so viel Leid verursacht. Es ist die Urversuchung der "religiösen" Menschen, ihre eigene Gruppe, Kirche, Religionsgemeinschaft für die allein seligmachende zu halten. Die Folge ist oft das Geringschätzen der anderen Religion, bis hin zu deren Verfolgung, ja bis zu Religionskriegen.

 

Jesu Antwort ist das Schlüsselwort der Toleranz: "Hindert ihn nicht!" Glauben gibt es auch außerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft. Es gibt Menschen, die im Sinne Jesu leben und handeln, ohne Mitglied der Kirche zu sein. Entscheidend ist das Verhalten. Ich denke an die vielen, die ohne große Worte dem Nächsten helfen ("einen Becher Wasser zu trinken geben"): Da fragt Jesus nicht nach dem Religionsbekenntnis und schaut nur auf die gute Tat.

 

Jesus zeigt große Toleranz gegenüber allen, die wie auch immer das Gute tun. Wo es um das Böse geht, hat seine Toleranz klare Grenzen. Null-Toleranz gegenüber denen, die "einen von diesen Kleinen" missbrauchen. Erschütternd sind die Fälle von sexuellem Missbrauch. Jesu Worte können nicht schärfer sein: Für so jemand wäre es besser, "wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde". Viel zu lange wurde hier die falsche Toleranz geübt, wurde weggeschaut, vertuscht und verharmlost.

 

Die Verführung kann aber auch andere Formen als den sexuellen Missbrauch haben. Wie viele junge Menschen werden zum Drogenkonsum verführt und geraten so in die oft tödliche Falle der Sucht! Die Verführung kann noch schleichender sein, wenn etwa junge Menschen zu egoistischem Erfolgsstreben erzogen werden. Oder wenn sie von den Erwachsenen Vorurteile mitbekommen, dass sie die Besseren, die Höheren sind, und so zu Menschen werden, die andere verachten.

 

Warum sind wir oft so tolerant gegenüber dem Bösen? Weil wir gegenüber uns selber nachsichtig sind, die Fehler der anderen aber unerbittlich kritisieren. Null-Toleranz sollten wir vor allem gegenüber unseren eigenen Fehlern haben. Auch hier, wie beim Bild vom Mühlstein um den Hals, gebraucht Jesus radikale Worte, die natürlich nicht wörtlich zu nehmen sind. Sie sollen vielmehr zeigen, wie tiefernst der Kampf gegen das Böse in uns selber zu nehmen ist. Lieber sich eine Hand, einen Fuß abhacken, ein Auge ausreißen, als der Versuchung zum Bösen nachzugeben. Sei hart zu dir selber und sanft zu den anderen! Mit dieser einfachen Formel lässt sich Jesu Lehre zusammenfassen. Dann wirst du auch den Mut haben, das Böse beim Namen zu nennen, wo es für dich und für den anderen zur lebensbedrohenden Gefahr wird.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Markusevangelium 9,38-43.45.47-48

In jener Zeit sagte Johannes, einer der Zwölf, zu Jesus: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen. Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.


Kardinal Schönborn

Mehr über Kardinal Christoph Schönborn

 

Gedanken zum Evangelium


 

Die "Gedanken zum Evangelium" jeden Sonntag auf "radio klassik Stephansdom" zum Nachhören:

Nachrichten

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Am Donnerstagabend versammelten sich zahlreiche Menschen am Stephansplatz. Mit einem Kerzenmeer riefen die Caritas Österreich und Wiens Erzbischof Josef Grünwidl zur anhaltenden Solidarität mit der Ukraine auf. 

"Fluchtweg": Kreuzweg aus Perspektive queerer geflüchteter Menschen

Das ökumenische Projekt wird in Wien, Linz, Graz und Innsbruck gezeigt.

Grünwidl: "Wenn Glaube exklusivistisch wird, schrillen Alarmglocken"

Wiener Erzbischof warnt in "Furche"-Interview vor Neointegralismus, Machtanspruch und politischer Instrumentalisierung des Christentums - Absage an Elite-Christentum wie auch an gegenseitiges Absprechen von Glauben oder an Schulterklopfen von "einzig wahren Christen"

Zukunft der Kirche in Hirschwang steht nun fest

Die Filialkirche wurde an die CityLoftArt GmbH verkauft und wird zu einem Kulturschauplatz. Eine kleine Kapelle wird auch weiterhin für das persönliche Gebet geöffnet sein.

Fastenzeit

Antworten von Kardinal Christoph Schönborn in der Tageszeitung HEUTE am 20.2.2026

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