Der italienische Kardinal Francesco Montenegro, zu dessen sizilianischer Erzdiözese Agrigent auch die Flüchtlingsinsel Lampedusa gehört, hat Europa zu mehr Solidarität mit Migranten aufgerufen.
Der italienische Kardinal Francesco Montenegro, zu dessen sizilianischer Erzdiözese Agrigent auch die Flüchtlingsinsel Lampedusa gehört, hat Europa zu mehr Solidarität mit Migranten aufgerufen.
Erzbischof Montenegro bei Wiener Expertentagung und in einem Flüchtlingsquartier am Stephansplatz: "Egoismus gefährdet die eigene Zukunft“.
Der italienische Kardinal Francesco Montenegro, zu dessen sizilianischer Erzdiözese Agrigent auch die Flüchtlingsinsel Lampedusa gehört, hat Europa zu mehr Solidarität mit Migranten aufgerufen. Europa verschließe vor dem Ausmaß und den Hintergründen der weltweiten Migrationsbewegungen immer noch die Augen, "dabei schreiben wir gerade eine neues Kapitel Geschichte", sagte Montenegro am Samstag, 26. September 2015 in einem Interview der katholischen Presseagentur "Kathpress". In den europäischen Staaten würden die meisten vor allem an ihr eigenes Wohl denken, statt etwas für das Wohl aller zu geben. "Wenn wir diese Egoismen weiterverfolgen, gefährden wir unsere eigene Zukunft", warnte der Kardinal.
Auf Lampedusa werde die Zeit nicht mehr in Minuten, sondern in der Zahl der Toten gemessen, sagte Montenegro. "Das Mittelmeer ist zu einem Grab geworden." Die Menschen auf Lampedusa würden sich trotz ihrer eigenen Armut der Bootsflüchtlinge annehmen. Der Kardinal schilderte seine eigenen schreckliche Erfahrungen in der Hilfe für die Bootsflüchtlinge. Im Hafen auf einem Boot 360 Leichensäcke zu sehen, in denen Teils auch Kinder liegen, verändere den eigenen Blick auf das Thema.
In Richtung der europäischen Politik appellierte der Kardinal dazu, auf die globalen Veränderungen zu reagieren, "die Augen zu öffnen und statt Mauern Brücken zu errichten". Nachdem der Westen bisher stets von den ärmeren Ländern und ihren Bodenschätzen profitiert habe, müsse er diesen nun dabei helfen, sich weiterzuentwickeln.
Der Kardinal besuchte am Samstagmorgen mit seinem Wiener Amtskollegen Christoph Schönborn und Caritas-Präsident Michael Landau eine Flüchtlingsunterkunft der Erzdiözese Wien am Stephansplatz. In dem vor zwei Wochen errichteten Notquartier waren in der Nacht zuvor 74 Asylwerber untergebracht, die meisten von ihnen auf der Durchreise nach Deutschland oder aus dem völlig überfüllten Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen kommend, wo derzeit aufgrund des Regens und der Kälte keine Übernachtung im Freien denkbar ist.
Ähnlich wie auch in Lampedusa, habe er in Österreich viel an Solidarität jener Menschen angetroffen, die sich um die Flüchtlinge kümmern und "den Erschöpften eine würdige Unterkunft bieten", hob Montenegro hervor. Notleidende aufzunehmen und willkommen zu heißen sei "immer ein Zeichen des Evangeliums und des Christentums", so der Kardinal. Die Kirche müsse "wie der gute Samaritaner" aus dem biblischen Gleichnis handeln, "den nicht in seiner Not zurücklassen, der auf der Straße leidet und im Nächsten den Bruder sehen", so der italienische Kardinal.
Anlass des Wien-Besuchs Montenegros war eine Tagung der Forschungsplattform "Religion and Transfomation in Contemporary European Society" zum Thema "Migration und Religion" am Donnerstag und Freitag. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit der grünen Europaparlaments-Vizepräsidentin Ulrike Lunacek und dem Migrationsforscher Heinz Faßmann plädierte er am Freitagabend für ein offenes Europa. Migration könne, u.a. auch in wirtschaftlicher und demographischer Hinsicht, eine Bereicherung für den europäischen Kontinent sein.
"Was wir wirklich brauchen ist Solidarität", verdeutlichte Montenegro auch an dieser Stelle. Europa trage auch eine Mitverantwortung für die viele Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimatländer verließen, verwies der Kardinal auf die Ausbeutung rohstoffreicher afrikanischer Länder. "Es gibt einen Widerspruch: Wir schaffen Armut und dann wollen wir die Armut wieder verdecken."
Der Kardinal erinnerte an die teils katastrophalen Lebensbedingungen vieler Menschen in den Armutsregionen der Erde. Man dürfe sich nicht wundern, wenn die Leute nach Europa kommen und hier ein besseres Leben suchen: "Ich würde auch die Koffer packen, wenn in meinem Land die Situation so schlecht wäre - und genau das machen die Menschen jetzt."
Von den Europäern forderte der Kardinal mehr Respekt für die Lebensgeschichten und die schwierige Lage der ankommenden Bootsflüchtlinge. "Eigentlich haben wir keine Angst vor Migranten, sondern wir haben Angst vor der Armut, die durch sie sichtbar wird."
"Wir brauchen Migration", meinte auch die österreichische Europaparlamentariern Lunacek in dem Gespräch und betonte gleichzeitig die Notwendigkeit eines funktionierenden Zuwanderungs- und geregelten Asylsystems in der EU mit legalen Zugangsgmöglichkeiten. Die Grünen-Politikerin erinnerte, dass das Prinzip der Solidarität auf für Asyl- und Migrationsfragen in den europäischen Verträgen grundgelegt sei. Schon der Beschluss des Dublin-Systems habe aber mit diesem Prinzip gebrochen. Die EU habe sich in diesem Bereich eine "halbherzige" Struktur gegeben, die nicht wirklich europäisches Handeln ermögliche. In der Krise stünde daher nationale Egoismen im Vordergrund.
Die in den vergangenen Jahren entwickelten Konzepte des gemeinsamen europäischen Asylsystems hätten den aktuellen Realitätscheck nicht bestanden, sagte der Migrationsforscher Faßmann. "Das was auf dem Papier steht, ist nicht realisierbar." Die Nationalstaaten kümmerten sich letztlich nicht darum, was sie selbst vertraglich unterzeichnet haben, kritisierte Faßmann.
Zu den großen Ursachen der weltweiten Migrationsbewegungen verwies der Forscher u.a. auf "die Ungleichheit in dieser Welt". Abseits der aktuellen Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten seien die meiste Migranten Arbeitsmigranten, denen es um persönliche Chancenverbesserung aus wirtschaftlich wenig prosperierenden Regionen gehe.