"Es geht um Tod und Jenseits, um Lebensbilanz und Rechenschaft. Wird der Rechenschaftsbericht meines Lebens am Schluss so aussehen wie unsere Staatsfinanzen: ein riesiger Schuldenberg?", fragt Kardinal Schönborn.
"Es geht um Tod und Jenseits, um Lebensbilanz und Rechenschaft. Wird der Rechenschaftsbericht meines Lebens am Schluss so aussehen wie unsere Staatsfinanzen: ein riesiger Schuldenberg?", fragt Kardinal Schönborn.
Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 16. November 2014. (Matthäus 25,14-15.19-21)
Das Ende des (Kirchen-)Jahres ist nahe. Viel zu früh beginnen schon die Adventmärkte. Mit dem Advent beginnt dann das neue Kirchenjahr. An den letzten Sonntagen des alten Kirchenjahres ist in den Evangelien viel vom Gericht die Rede. Es geht um Tod und Jenseits, um Lebensbilanz und Rechenschaft. Wenn Jesus davon spricht, dann macht er keine allgemeinen Theorien, keine Lehren über das Leben nach dem Tod. Vielmehr spricht er die Hörer persönlich an. Er meint mich, mein Leben und seine Offenlegung. Muss ich sie fürchten? Wird der Rechenschaftsbericht meines Lebens am Schluss so aussehen wie unsere Staatsfinanzen: ein riesiger Schuldenberg?
Müssen wir den Tag des Gerichts fürchten? Macht Jesus mit seinem Gleichnis Angst? Früher sah ich eher das Drohende in diesem Gleichnis. Heute spüre ich darin vor allem Ermutigung. Das beginnt schon damit, dass dieser reiche Mann, der ja Gott darstellt, seinen Dienern ein unglaubliches Vertrauen schenkt. Er übergibt ihnen in der Zeit seiner Abwesenheit sein ganzes Vermögen. Und dieses ist wirklich nicht klein. Im Ganzen gibt er ihnen acht Talente. Ein „Talent“ ist nicht zuerst eine Begabung. Diese Bedeutung hat das Wort „Talent“ erst durch genau dieses Gleichnis Jesu bekommen. Ursprünglich ist das Talent eine Maßeinheit für eine große Summe Silber.
Das Erste also, das mich in diesem Gleichnis ermutigt, ist das Vertrauen des Besitzers in seine Diener. Er reist ab und lässt sie alleine wirtschaften. Er traut ihnen zu, dass sie es können. Und bei zweien der drei Diener hat er sich nicht getäuscht. Ich lese für mich als Botschaft: Gott vertraut uns. Er hat das Zutrauen, dass wir fähig sind, mit seinen Gaben gut umzugehen. In meinem Leben hat mir nichts so sehr geholfen als das Vertrauen, das mir geschenkt wurde. Für das Kind, den jungen Menschen ist es unglaublich wichtig, dass ihm einiges zugetraut wird. Wie gut tut es, wenn dieses Vertrauen nicht Leistungsdruck ehrgeiziger Eltern ist, sondern die positive Haltung: Du kannst das! Und du machst es gut!
Freilich ist in dem Gleichnis ganz wichtig, dass der Besitzer das Vermögen nicht gleichmäßig verteilt, sondern „jedem nach seinen Fähigkeiten“. In unserem demokratischen Verständnis mag das gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoßen. Aber ist das nicht genau die Kunst echter Menschenführung, jeden „nach seinen Fähigkeiten“ einzusetzen? Und ist es nicht etwas Wunderbares, dass wir nicht alle die gleichen Talente bekommen haben? Gott gibt seine Gaben in größter Vielfalt. Keiner ist dem anderen gleich. Alle sind wir aufeinander angewiesen. Und niemand hat seine Begabungen nur für sich empfangen. Dieser Reichtum an Talenten ist für mich ein ständiger Anlass, Gott zu danken.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum mich dieses Gleichnis Jesu zuversichtlich stimmt: Keiner der Diener hat mit dem anvertrauten Geld Bankrott gebaut. Die beiden ersten haben das Kapital verdoppelt. Sie haben sehr gut gewirtschaftet. Sie haben nicht wie heutige Spekulanten Millionen verzockt. Auch der Dritte hat sein Talent zumindest nicht vertan, auch wenn er es nur sicherheitshalber vergraben hat.
Wenn wir das Gleichnis Jesu so lesen, müssen wir feststellen, dass er eigentlich ein sehr positives, ja optimistisches Bild von uns Menschen hat. Haben wir dieses Vertrauen verdient? Riskiert Gott nicht zu viel, wenn er uns so großes Vertrauen schenkt? Eines ist sicher: Wem so vertraut wird, der möchte das in ihn gesteckte Vertrauen nicht enttäuschen. Ich glaube, das ist Gottes Erfolgsrezept: dass er uns Menschen so vertraut!
In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!