"Wir leben in einer Zeit der Überregulierung. Eine wahre Gesetzesflut. Der Wahn, Alles bis ins Einzelne genau absichern zu wollen. Da kommt mir schon oft der Gedanke: Würden die Zehn Gebote nicht oft genügen?", fragt Kardinal Christoph Schönborn.
"Wir leben in einer Zeit der Überregulierung. Eine wahre Gesetzesflut. Der Wahn, Alles bis ins Einzelne genau absichern zu wollen. Da kommt mir schon oft der Gedanke: Würden die Zehn Gebote nicht oft genügen?", fragt Kardinal Christoph Schönborn.
Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, zur 1. Lesung, am 8. März 2015. (Exodus 20,1-17)
Heute, am 3. Fastensonntag, werden im Gottesdienst die Zehn Gebote gelesen. Es hilft, sie wieder einmal in Erinnerung zu rufen. Gott hat sie dem jüdischen Volk am Berg Sinai übergeben, in der Form von zwei steinernen Tafeln. Die eine enthält drei, die zweite sieben Gebote. Die ersten drei betreffen das Verhältnis des Menschen zu Gott, die sieben anderen die Beziehung zum Nächsten. Früher konnten die meisten Menschen die Zehn Gebote auswendig.
In der Schule lernten wir sie in folgender Kurzfassung. „Du sollst an einen Gott glauben. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. Du sollst den Tag des Herrn heiligen.“ So lauteten die ersten Drei. „Du sollst Vater und Mutter ehren. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.“ Das stand auf der zweiten Tafel.
Was aber bedeuten diese „Zehn Worte“? Das erklärt der Satz, der ihnen vorausgeht. Er ist der Schlüssel zum Sinn der Zehn Gebote: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Gott erinnert sein Volk daran, dass Er es aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt hat. Diese Freiheit sollen wir bewahren. Wir sollen uns nicht wieder versklaven lassen.
Meist sehen wir in den Zehn Geboten vor allem das Verbot: Zehnmal „Du sollst nicht!“ Ist das nicht typisch für die Religion? Lauter Verbotstafeln! Von einem Jugendlichen habe ich den Satz gehört: „Religion, das ist das, was man nicht tun darf!“ Wurde die christliche Religion nicht oft vor allem als eine Serie von Verboten dargestellt?
Die Bibel versteht die Zehn Gebote ganz anders: Sie sind Wege zur Freiheit! Dafür habe ich einen ganz einfachen Beweis: Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der keines der Zehn Gebote gelebt wird. In ihr wird gelogen und gestohlen, was das Zeug hält. Es gibt keine Treue in den Beziehungen. Das Leben des anderen ist keinen Groschen wert. Mord ist an der Tagesordnung. Respekt vor den Eltern, den Älteren? Ein Fremdwort! Das Gut des Nächsten? Freibeute! Die Frau des Nächsten? Freiwild! Möchte ich in einer solchen Gesellschaft leben? Sicher nicht.
Gegenfrage: Ist es nicht unvergleichlich besser, in einer Gesellschaft zu leben, in der gegenseitiger Respekt herrscht, man einander trauen und vertrauen kann? Warum aber die Form des Verbots? Weil unsere Freiheit immer gefährdet ist, durch andere und auch durch uns selber. Daher brauchen wir Warntafeln.
Wir leben in einer Zeit der Überregulierung. Eine wahre Gesetzesflut. Der Wahn, Alles bis ins Einzelne genau absichern zu wollen. Da kommt mir schon oft der Gedanke: Würden die Zehn Gebote nicht oft genügen? Wenn wir uns an sie halten, dann brauchen wir nicht tausend Einzelregeln. Und wenn uns die Zehn Gebote noch zu viel sind: Jesus hat sie in zwei zusammengefasst: Liebe Gott und deinen Nächsten. Das genügt!
In jenen Tagen sprach Gott auf dem Berg Sinai alle diese Worte: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinem Stadtbereich Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Mond gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. Du sollst nicht morden. Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.
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Gedanken zum EvangeliumWöchentlicher Evangelienkommentar von Kardinal Christoph Schönborn. |
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