"Dass Thomas ein Suchender war, das macht ihn so sympathisch", so Kardinal Christoph Schönborn.
"Dass Thomas ein Suchender war, das macht ihn so sympathisch", so Kardinal Christoph Schönborn.
Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 12. April 2015. (Johannes 20,19-31)
Heute steht der Apostel Thomas im Mittelpunkt. Und der ist ja so etwas wie der Patron der Zweifler. Thomas glaubt nur, was er sehen und berühren kann. Ob Jesus tatsächlich auferstanden ist, wie seine Kollegen behaupten, das will er nicht glauben, solange er es nicht selber überprüfen kann. Das macht ihn für so viele Menschen sympathisch, die sich mit dem bloßen Glauben schwer tun. Sie wollen handfeste Beweise haben, nicht unüberprüfbare Behauptungen.
Wem kommen nicht manchmal Fragen wie: Stimmt das alles? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wird es eine Auferstehung geben? Thomas, der Patron der Zweifler? Eher noch der Patron derer, die sich nicht mit billigen Antworten abspeisen lassen. Thomas, der Patron der Suchenden!
Dass Thomas ein Suchender war, das macht ihn so sympathisch. Ich glaube, er hat aber nicht nur Beweise gesucht. Vielleicht war hinter seinem Zweifeln und Fragen noch etwas Tieferes. Thomas wollte nur glauben, dass Jesus auferstanden ist, wenn er seine Wunden berühren konnte. Warum war ihm das so wichtig? Vielleicht aus einem einfachen Grund: Wenn dieser Auferstandene wirklich Jesus sein soll, dann muss man an ihm noch die Wunden der Kreuzigung sehen: die Male der Nägel an den Händen und die große Wunde an seiner Seite. An ihnen will er die Sicherheit haben, dass er nicht einer Täuschung aufsitzt.
Ich glaube, es gibt noch einen tieferen Grund, warum Thomas die Wunden Jesu berühren will. Lernen wir einander nicht erst dann wirklich kennen, wenn wir die Wunden des anderen zu sehen beginnen, und wenn wir uns nicht scheuen, auch unsere eigenen Wunden zu zeigen. Niemand geht ohne Wunden durchs Leben. Aber meistens versuchen wir, sie voreinander zu verbergen. Wir wollen als „topfit“ erscheinen, als „ich bin ok.“ Nur wenn Vertrauen da ist, können wir uns öffnen und auch zeigen, wo wir unsere Lebenswunden haben. Freunde, Liebende trauen sich, einander auch ihre Wunden zu zeigen, und nicht nur ihre strahlenden Seiten, ihre Erfolge und Leistungen.
Thomas will die Wunden Jesu nicht nur sehen. Er will sie berühren. Er will sich also von Jesus berühren lassen, von seinem Leid, seinen Schmerzen. Er will nicht einen Jesus finden, der keine Wunden mehr hat. Nur so kann er sich eine Freundschaft mit Jesus vorstellen. Und als er dann tatsächlich Jesus sehen und berühren konnte, sagt er dieses wunderbare Wort zu Jesus: „Mein Herr und mein Gott!“
Und damit sagt uns Thomas, der Zweifler und Suchende, etwas Entscheidendes: Du findest Gott nur, wenn du dich nicht von den Wunden der anderen abwendest! Ich kann nicht Gott bekennen und vom Leid des Nächsten wegschauen.
Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.
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OsternGott hat Jesus von den Toten auferweckt. |
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Gedanken zum EvangeliumWöchentlicher Evangelienkommentar von Kardinal Christoph Schönborn. |
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Kardinal Christoph SchönbornSeine Texte, Predigten und Vorträge. |
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Frag den KardinalFragen für und Antworten von Kardinal Christoph Schönborn. |