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29.01.2016 · Gedanken zum Evangelium

Gedanken zum Evangelium: Gewalt in der Religion?

zerschlagene Scheibe

"Jesus hat uns allen gezeigt, wie viel Neigung zum Bösen im Inneren des Menschen schlummert. Wenn die soziale Not groß wird, kann der Nachbar schnell zum Feind werden. Und dann kann auch die Religion zum Vorwand für Gewalt dienen", so Kardinal Christoph Schönborn.

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 31. Jänner 2016. (Lukas 4,21-30)

Heute steht Religion im Verdacht, Gewalt zu fördern. Machen die Religionen Menschen zu Fanatikern, die auch vor Gewalttaten nicht zurückschrecken? Woher kommt es, dass Menschen im Namen Gottes andere Menschen töten? Liegt das an der Religion? An manchen Religionen mehr als an anderen? Ist etwa der Islam besonders gewaltbereit?

 

Aber es gibt auch in anderen Religionen gewaltsame Übergriffe, etwa im Hinduismus in Indien, im Buddhismus in Sri Lanka, um nur zwei Beispiele zu nennen. Im Christentum gibt es eine lange Geschichte von Kriegen und Gewalt. Ist es also doch die Religion, die Menschen „verdirbt“?

 

Im heutigen Evangelium sehen wir einen plötzlichen Ausbruch von Aggression, der Jesus fast das Leben gekostet hätte. Was war da? Wie kam es dazu? Warum wurde Jesus schließlich das Opfer von Ablehnung und Hass? Und wie stand er selber zur Frage der Gewalt?

 

Alles hatte so positiv begonnen. Jesus war nach seinem Fortgang von zu Hause, von Nazareth, schnell berühmt geworden. Überall sprach man von den „großen Dingen“, die er tat: Heilungen, Wunder, Befreiungen in großer Zahl. Jetzt kommt er wieder nach Hause, sozusagen auf Besuch, zu seinen Verwandten, Bekannten, in das Dorf, in dem er aufgewachsen war. Groß ist die Erwartung, als er am Sabbat in die heimische Synagoge kommt. Und groß ist die Begeisterung über das, was er dann sagt: „Sie staunten darüber, wie begnadet er redete.“ Und offensichtlich warten alle, dass auf die beeindruckenden Worte auch Taten folgen, wie man sie von ihm berichtet. Wenigstens ein paar Krankenheilungen und irgendein spektakuläres Wunder sollte er schon auch in seiner Heimat wirken.

 

Jesus spürt diesen Erwartungsdruck und kommt ihm zuvor mit Worten, die ganz und gar nicht diplomatisch waren. Er lässt seine Landsleute abblitzen. Und, noch mehr, er stellt sich in eine Reihe mit den ganz großen religiösen Gestalten seines Volkes: mit dem Propheten Elija und mit seinem Schüler und Nachfolger, dem Propheten Elischa. Beide haben zu ihrer Zeit vor allem Menschen geholfen, die nicht zum eigenen Volk gehörten, also Fremden. Und Jesus fügt ein Sprichwort an: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.“

 

Kein Wunder, dass daraufhin die Stimmung kippt. Die Begeisterung schlägt plötzlich in Hass um. Aus den freudigen Mitbürgern werden mordbereite Feinde. Wie ist das möglich? Und hat das mit Religion zu tun? Ich glaube, viele der Explosionen an Gewalt in unserer heutigen Welt haben sehr wenig mit Religion zu tun. Und sehr viel mit enttäuschten Erwartungen. Und damit, dass in jedem Menschenherzen die Gewalttätigkeit wie ein schlafendes Raubtier lauert.

 

Wie anders ist so viel Gewalt in Familien zu erklären? Zwischen Ehepartnern, zwischen Menschen, die einander ganz nahe sind? Jesus hat uns allen gezeigt, wie viel Neigung zum Bösen im Inneren des Menschen schlummert. Wenn die soziale Not groß wird, kann der Nachbar schnell zum Feind werden. Und dann kann auch die Religion zum Vorwand für Gewalt dienen.

 

Jesus ging damals mitten durch die gewaltbereite Menge weg. Keiner wagte es, ihn anzurühren. Ich glaube, das lag daran, dass Jesus eine große Ruhe, einen tiefen Frieden ausstrahlte. Darauf kommt es auch heute an!

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn (31.01.2016)
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Lukas 4,21-30

In jener Zeit begann Jesus in der Synagoge in Nazaret darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.


Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium

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