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12.02.2016 · Gedanken zum Evangelium

Wenn die Wüste zu blühen beginnt…

Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium am 14. Februar (Lk 4,1-13).

"Wer glaubt, alles selber bestimmen zu können, sein eigener Herr zu sein, wird in Wirklichkeit ein Sklave der eigenen Wünsche und Leidenschaften. Dann wird es einsam um ihn. Dann wächst die Wüste. Alleinsein in der Wüste, das endet tödlich", schreibt Kardinal Christoph Schönborn im Kommentar zum Sonntagsevangelium.

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Schönborn am Sonntag, 14. Februar 2016 (Lk 4,1-13).

Die Wüste wächst. Dieses bedrängende Gefühl haben heute viele Menschen. Wüste, das sind nicht nur die Sandwüsten. Wüste ist auch die Einsamkeit inmitten der Steinwüsten der großen Städte. Wüste, das ist auch die Verlorenheit von Flüchtlingen in ihren Schlauchbooten weit weg von rettenden Ufern.

 

Wüste kann aber auch eine heilsame Erfahrung sein. Allein, ausgesetzt, keine Ablenkung, keine Möglichkeit, vor sich selber davonzulaufen. Eine solche Erfahrung beschreibt Philippe Pozzo di Borgo. Sein Schicksal als Querschnittgelähmter hat viele bewegt durch den wunderbaren Film „Ziemlich beste Freunde“. Die langen Monate seines Liegens in fast totaler Gelähmtheit wurden ihm zur schweren, aber gesegneten Wüstenerfahrung. Wüstenzeiten gibt es in fast jedem Leben. Sie sind Prüfung und können zu großem Segen werden.

 

Jesus beginnt sein öffentliches Wirken mit einer intensiven Wüstenzeit. Vierzig Tage treibt es ihn um in der Wüste beim Toten Meer. Die Tiefe der Erfahrung, die er in dieser Zeit völligen Fastens macht, können wir kaum erahnen. Menschen, die ganz schwere, starke Wüstenerfahrungen erlebt haben, werden sich eher in das einfühlen können, was Jesus in seiner Wüste durchlebt hat. Es müssen Erfahrungen gewesen sein, die Jesus bis zum Äußersten herausgefordert haben. Die Bibel sagt es schlicht: Jesus wurde vom Teufel in Versuchung geführt.

 

Unter „Versuchung“ stellen wir uns meist sexuelle Verlockungen vor. Was Jesus durchlebt hat, war tiefer und radikaler. Es geht um die Urversuchung des Menschen. Die Schlange hat im Paradies Adam und Eva mit der Verheißung verlockt: „Ihr werdet sein wie Gott!“ Die drei Versuchungen Jesu gehen aufs Ganze: Mache dich selber zu Gott! Du bist doch Gottes Sohn. Also nimm deine Macht in deine eigene Hand! Bestimme du selber, was du willst! Sei dein eigener Herr und Gott! Du brauchst keinen Herrgott!

 

Das ist die Versuchung, der wir Menschen ausgesetzt sind: Selber alles in der Hand haben wollen. Selber herrschen und andere beherrschen. Nur nicht dienen müssen. Nur nicht abhängig sein. Allein bestimmen, was ich will und was mir passt! Doch diese Versuchung hat ihren Preis. Der Teufel fordert ihn ungeniert von Jesus: Wirf dich vor mir nieder und bete mich an! Dann wird dir alles gehören!

 

Wer glaubt, alles selber bestimmen zu können, sein eigener Herr zu sein, wird in Wirklichkeit ein Sklave der eigenen Wünsche und Leidenschaften. Dann wird es einsam um ihn. Dann wächst die Wüste. Alleinsein in der Wüste, das endet tödlich.

 

Jesus hat die Versuchungen überwunden. Drei Mal hat er dem Versucher einfach ein Wort der Bibel entgegengehalten: Jedes dieser Worte ist voller Leben. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Wir brauchen das tägliche Brot. Ebenso aber leben wir vom Miteinander mit Gott und dem Nächsten. „Gott allein sollst du dienen.“ Wer Gott dient, wird ein freier Mensch, frei von sich selber und frei für die anderen. „Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen.“ Vertraue Gott! Misstraue ihm nicht. Er will dir Gutes, nicht Böses.

 

Die Wüstenerfahrung Jesu kann uns helfen, Orientierung zu finden, wenn wir selber durch eine Wüste gehen. Dann kann die Wüste sogar zu blühen beginnen.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn (14.02.2016)
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Lukasevangelium 4,1-13

In jener Zeit verließ Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab.


 

Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium

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