Regensburger Kirchenhistoriker im "Sonntag"-Interview über den lange vorherrschenden kirchlichen "Antimodernismus": Ergebnis der Kulturkämpfe des 19. Jahrhunderts.
Der "Antimodernismus", der Teile der Kirche lange Zeit geprägt hat, hat seinen Ursprung in den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts. Die Kirche begab sich "jahrzehntelang in eine defensive, abwehrende Haltung gegenüber der sogenannten 'Moderne'", betonte der Regensburger Kirchenhistoriker Klaus Unterburger im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Unterburger spricht am 26. März über "Antimodernismus" bei den "Theologischen Kursen" in Wien.
Die Kirche sah sich lange Zeit, so Unterburger, als Opfer von Renaissance und Reformation, von Aufklärung und Französischer Revolution, von Liberalismus, Laizismus und Sozialismus. "Tatsächlich war das 19. Jahrhundert ja in nahezu allen katholisch geprägten Staaten von Kulturkämpfen gezeichnet, in denen ein laizistischer Liberalismus die katholische Kirche aus dem öffentlichen Raum hinausdrängen wollte." Religion sei Privatsache, sodass Staat, Schule, Universität, Kunst und Kultur davon frei sein müssten. "Dagegen galt es, die Reihen zu schließen, die eigenen Gläubigen gegen diesen immer weiter voranschreitenden Abfallprozess zu immunisieren."
Der Begriff selbst wurde von Papst Pius X. mit seiner Enzyklika "Pascendi" aus dem Jahr 1907 geprägt, so Unterburger. Nach dieser war Modernismus eine spezifische Irrlehre: Die historische Forschung relativiere alle Wahrheit; an die Stelle der Objektivität der Offenbarung und der kirchlichen Lehre trete die eigene Subjektivität. Die Dogmen seien Bilder, die danach zu beurteilen seien, ob sie einem seelisch guttun.
Zugleich bestimmte die Enzyklika den Modernismus aber als "Sammelbecken aller Häresien", nämlich als falsche Grundhaltung, die letztlich hinter jeder Irrlehre und allen Irrtümern der modernen Zeit stecke. Die Moderne wurde defensiv und abwehrend gedeutet in dem Sinn, dass die Menschen immer mehr der Kirche und Gott selbst den Gehorsam aufkündigen, eine falsche Autonomie vertreten und damit letztlich den Ursündenfall wiederholen, nämlich so sein zu wollen wie Gott.
Allmählich habe man gelernt, dass diese Sichtweise auf die moderne Welt nicht adäquat und voller Ressentiments sei. "Die Kirche war in diesem Prozess der Entfremdung selbst nicht nur passives Opfer gewesen, sondern durchaus auch Akteur", so Unterburger. Am prominentesten hat die kirchliche Kehrtwende wohl in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils ihren Ausdruck gefunden, die bereits in ihrem ersten Satz programmatisch feststellt: "Die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der heutigen Menschen werden von den Jüngern Christi geteilt."
Aber natürlich könne das auch nicht unkritische Anpassung bedeuten. Die Kirche muss ihre Rolle jeweils neu ausloten zwischen solidarischer Zeitgenossenschaft und kritischem Kontrast der modernen Welt gegenüber; sie will ja "Salz der Erde" sein, so Unterburger abschließend.