Scheidender St. Pöltner Bischof im "Kirche bunt"-Abschiedsinterview: Ziel der Seelsorge ist "konsequentes Christsein".
Scheidender St. Pöltner Bischof im "Kirche bunt"-Abschiedsinterview: Ziel der Seelsorge ist "konsequentes Christsein".
Sorge um "Familienfeindlichkeit, bei der Kinder nur als Vereinbarkeitsfrage gesehen werden".
Angesichts des starken Rückgangs der Glaubenspraxis in Westeuropa und einer immer pluraleren Gesellschaft stellt sich für Bischof Klaus Küng die Frage, "wann wir Christen aufwachen und wie lange wir weiter der Versuchung nachgeben, uns dem aufkommenden Mainstream einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft anzupassen": Das hat der scheidende St. Pöltner Oberhirte, der am Sonntag, 1. Juli 2018 sein Amt an Bischof Alois Schwarz übergibt, in der Diözesanzeitung "Kirche bunt" hervorgehoben. In einem längeren Abschiedsinterview und einem Dankesbrief ermutigte er die Gläubigen zu einem konsequenten Christsein. Dies müsse auch das Ziel der Seelsorge sein.
Auch wenn sich Niederösterreichs Kirchen und Klöster in einem "hervorragenden Zustand" befänden, sei in vielen Häusern "das Licht des Glaubens sehr schwach geworden, nicht selten fast ganz erloschen", stellte Küng mit Bedauern fest. Auch die Glaubensweitergabe von einer Generation zur nächsten funktioniere meist nicht mehr. All dies sei eine Hauptursache für den Priestermangel. Die Kirche in Österreich sei derzeit in einer Periode des Übergangs und bedürfe einer gründlichen Reform in Richtung Aufbruch und Mission.
Dieses "Neuaufwachen" wünsche er der Diözese St. Pölten, erklärte Küng, und weiter: "Ich bete dafür und werde nicht aufhören, dafür zu beten, dass christliche Familien Initiativen ergreifen, um ihre Kinder und Jugendlichen wirksam zu begleiten, und Jugendliche, denen die Jüngerschaft Jesu wichtig ist, sich zu sammeln beginnen." Das Christentum werde dort, wo es gelebt wird, nie seine "große Anziehungskraft" verlieren - weil das Wahre, Schöne und Gute anzieht", so der Bischof.
Zu seiner 2004 begonnenen Bischofszeit in St. Pölten äußerte sich Küng "mit großer Dankbarkeit": "Es ist ein schönes Land und ich konnte feststellen: In jeder Gemeinde gibt es Gläubige, denen die Kirche ein großes Anliegen ist und die zu großem Einsatz bereit sind", schrieb er. Als Bischof sei es ihm darum gegangen, besonders den Familien und der Jugend zur Erfahrung der Gegenwart Gottes und zur Wiederentdeckung des Glaubens an Jesus zu verhelfen, da dies eine Kraftquelle sei und Heilung bewirken könne, sagte Küng. "Es braucht eine neuerliche Verbreitung des Evangeliums in die Herzen der Menschen unserer Zeit." Seine Ungeduld, mit der er anfangs Erkenntnisse aus Feldkirch am neuen Wirkungsort umzusetzen versuchte, habe er dabei erst allmählich als hinderlich erkannt und abgelegt, bekannte der Bischof.
Dabei seien die 14 St. Pöltner Jahre "sehr intensiv" gewesen: Nach den Turbulenzen unter seinem Vorgänger Kurt Krenn habe es in der Diözese ein "wirkliches Verheilen" gegeben, erklärte Küng, der vor seiner Priesterlaufbahn Arzt war. Ruhe sei wieder eingekehrt, es habe sich ein "neues Wir-Gefühl" gebildet und das Gesprächsklima unter den verschiedenen Gruppierungen gebessert. Aufgrund mancher weiterhin schmerzender Wunden müsse jedoch der Heilungsprozess auch unter seinem Nachfolger fortgesetzt werden, denn "Spannungen können sehr schnell wieder aufleben".
Differenziert fiel Küngs Rückblick auf seinen Zuständigkeitsbereich Lebensschutz innerhalb der Bischofskonferenz aus. In Sachen Sterbehilfe gehe es Österreich heute besser im Vergleich zu anderen Ländern, aufgrund der unter Federführung der Caritas sehr früh aufgebauten Hospizbewegung. Dank dem "beherzten Engagement einiger Politiker" sei ein überparteilicher Konsens erzielt worden, "dass bei uns nicht Euthanasie eingeführt wird, sondern die Hospizbewegung und die Palliativ-Medizin gefördert werden sollen", so Küng. Wachsamkeit sei nötig, "dass es so bleibt und weiter ausgebaut wird", stellte der Bischof fest.
Keine positiven Veränderungen - trotz "zum Teil wirklich großer Anstrengungen" - habe es in Österreich beim Schutz des ungeborenen Lebens gegeben. "Im Grunde genommen will niemand eine Abtreibung. Es geht auch nicht darum, die frühere Gesetzgebung, die Abtreibung unter Strafe stellte, wiederherzustellen, sondern um die Schaffung von Möglichkeiten, um besser zu helfen", hielt Küng fest. Dazu gehöre beispielsweise die Einführung einer Frist zwischen Bitte um Abtreibung und Durchführung, "zur Vermeidung überstürzter Handlungen", oder auch die Abschaffung der eugenischen Indikation.
Scharf kritisierte Küng die "Familienfeindlichkeit unserer Zeit", die er hier als übergeordnetes Thema sah: "Kinder und Familien werden fast nur mehr betrachtet als 'Vereinbarkeitsfrage', werden nicht ausreichend gefördert und unterstützt. Der Sexualität wurde die Fruchtbarkeit genommen, das Geschenk der Schwangerschaft und die wunderbare Gabe, bei der Entstehung des Lebens mitzuwirken, wurde gesellschaftlich genormt zu einem Schwarzweiß aus 'gewollt' und 'ungewollt', zu 'Verhütung' versus 'Wunschkind'. Diese Entwicklung ist fatal", mahnte der Bischof. Dass mit #fairändern nun erneut eine Bürgerinitiative dagegen ankommen wolle, lasse ihn jedoch weiter hoffen auf ein künftiges "ganzheitliches Verständnis von Familie, Frauen sowie den geborenen und ungeborenen Kindern".
Volle Unterstützung signalisierte Küng für das Papstschreiben "Amoris laetitia": Es enthalte viele positive und wertvolle Ansätze und habe in Österreich bereits eine Umgestaltung der Ehevorbereitung angeregt. Auch weitere Impulse enthalte das Schreiben - etwa zu einer noch intensiveren Begleitung junger Familien sowie zu verstärktem Fokus auf die Pfarrseelsorge der christlichen Familie. Selbiges gelte für den pastoralen Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen, man dürfe das Dokument jedoch nicht allein darauf beschränken: Die Frage nach den Voraussetzungen für "fruchtbaren Kommunionempfang" berühre "viel mehr Bereiche" als bloß die Scheidungsfrage, so Küng.