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07.04.2018 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Berührende Berührung

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 8. April 2018 (Joh 20,19-31)

Diese Berührung berührt Thomas bis ins Innerste. Er kann nur ergriffen sagen: „Mein Herr und mein Gott!“

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 8. April 2018 (Joh 20,19-31)

Thomas will es genau wissen. Ob Jesus wirklich auferstanden ist, das kann er nur glauben, wenn er ihn selber berühren darf. Genauer: Er will seine Wunden sehen und angreifen. Er will auf Nummer sicher gehen. Die anderen Apostel behaupten, Jesus sei ihnen erschienen. Wer weiß, ob das nicht eine Einbildung ihrer traurigen und verängstigten Herzen war. Jesus ist tot, qualvoll am Kreuz gestorben. Dass Jesus jetzt plötzlich leben soll, das kann Thomas nicht begreifen.

 

Die Sprache gibt uns hier einen interessanten Hinweis. Wenn wir ausdrücklich wollen, dass wir etwas nicht verstehen, dann sagen wir: Ich kann es nicht begreifen. Verstehen hat etwas zu tun mit anfassen, angreifen, berühren. Wir verstehen nicht nur mit unserem Verstand, sondern auch mit unseren Sinnen. Wir wollen etwas selber hören und sehen, um es zu erfahren und zu erleben. „Ich habe es mit eigenen Ohren gehört, mit meinen eigenen Augen gesehen“: Das macht eine Zeugenaussage glaubwürdig. Wohl am stärksten wirkt der Tastsinn. Was wir selber angreifen, mit Händen greifen, mit unseren Fingern betasten, was wir hautnahe spüren können, das „be-greifen“ wir.

 

Wir lernen die Welt durch unsere Sinne kennen. Ein Baby ertastet sich die Welt. Es will alles angreifen. Und es braucht lebensnotwendig den Hautkontakt. Es muss berührt werden, und durch Berührung wächst es ins Leben hinein. Ein Leben lang sind wir auf Berührung angewiesen. Ein herzlicher Händedruck, eine liebevolle Umarmung können in Stunden der Trauer berühren und trösten. Einem Sterbenden die Hand halten ist wichtiger als viele Worte. „Fürchtet euch nicht vor der Zärtlichkeit“, sagt Papst Franziskus.

 

Zärtlich sind die Soldaten mit Jesus nicht umgegangen. Berührung kann auch alles andere sein als ein liebevoller Kontakt. Die Geißelhiebe, die Jesus blutig geschlagen haben, die Schläge ins Gesicht, angespuckt und mit spitzen Dornen verletzt, das waren Misshandlungen, nicht Berührungen. Das alles ist Thomas in Erinnerung. Er hat es nicht selber gesehen, wie sie Jesus gequält und gekreuzigt haben. Aber er weiß, was man seinem geliebten Meister angetan hat. Jetzt will er sicher sein: Wenn Jesus wirklich lebt, wie die anderen behaupten, dann will er seine Wunden sehen, mehr noch, er will sie mit seinen Fingern, seiner Hand angreifen können. Das wird ihm gewährt. Heute, eine Woche nach dem Ostertag, erscheint Jesus wieder den Seinen. Thomas darf die Nagelwunden an den Händen Jesu berühren. Mehr noch,  er darf seine Hand in die große Seitenwunde Jesu legen, die nicht mehr blutet, aber immer noch da ist. Diese Berührung berührt Thomas bis ins Innerste. Er kann nur ergriffen sagen: „Mein Herr und mein Gott!“

 

Dieses schlichte, tiefe Bekenntnis soll auch uns berühren. Wir können Jesus nicht so betasten wie Thomas. Aber mit den Augen des Herzens, mit dem Tastsinn des Glaubens können wir ihn erspüren, berühren und von ihm berührt werden. Ganz begreifen werden wir ihn wohl erst, wenn wir ihn einmal schauen dürfen, drüben, im ewigen Leben.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Johannesevangelium 20,19-31

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!  Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.  Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.


Kardinal Schönborn

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Gedanken zum Evangelium


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