Traditionsreiche Ökumene-Veranstaltung im Stift Kremsmünster über Kirchen in säkularer Gesellschaft eröffnet. Allensbach-Demoskop Petersen beschreibt fortschreitende Distanz zum Christentum. Stelzer: Kirchen als Gegengewicht zur zunehmenden Orientierungslosigkeit benötigt.
Wie Christinnen und Christen heute in einer in säkular gewordenen Gesellschaft "Salz der Erde" sein können, ist die Leitfrage der diesjährigen Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster. Einen nüchternen religionssoziologischen Befund gab dazu am Mittwoch, 12. Juli 2023, Thomas Petersen, Meinungsforscher am deutschen Institut für Demoskopie Allensbach, mit Zahlen, die auch für Österreich Relevanz haben: Das Christentum in Deutschland verliert an Bedeutung, die Zahl der Kirchenmitglieder und Messbesucher sinkt stetig.
Zweiter Hauptreferent des ersten Tages war Herbert Kalb, Religionsrechtler an der Kepler-Uni Linz. Er zeigte auf, dass die Individualisierung, Fragmentierung und Pluralisierung der religiös-weltanschaulichen Sphäre auch Auswirkungen auf das österreichische Religionsrecht hatte.
Rund 200 Interessierte waren am Mittwochnachmittag in den Kaisersaal des Stiftes Kremsmünster zur bis Freitag anberaumten 24. Ökumenischen Sommerakademie gekommen, darunter der Linzer Bischof Manfred Scheuer, der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer, der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic, der Rektor der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz, Christoph Niemand, und der oberösterreichische Superintendent Gerold Lehner. Veranstaltet wird die Tagung u.a. von der KU Linz, dem Stift Kremsmünster, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Evangelischen Bildungswerk OÖ und Medien.
Bereits die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ist konfessionslos, informierte Meinungsforscher Petersen über einen gerade heuer dramatischen Mitgliederschwund beider Großkirchen. Und der Anteil der verbliebenen Mitglieder, die sich als gläubig und ihrer Kirche eng verbunden bezeichnen, sei klein. Ebenso sinke seit Jahrzehnten die Zahl derer, die sich unabhängig von ihrer Kirchenmitgliedschaft als religiös bezeichnen. "Fragt man, woran die Menschen konkret glauben, sind vor allem die Rückgänge bei den zentralen Punkten, die das Christentum ausmachen, besonders groß, während ein eher vager Glaube an höhere Mächte stabil geblieben ist", führte Petersen aus.
Die Wertschätzung der christlichen Kulturtradition habe dagegen nicht im gleichen Maße abgenommen. Viele Deutsche identifizierten sich mit dem Christentum, allerdings weniger mit den Glaubensinhalten, sondern mit christlichen Traditionen. "Zugespitzt ausgedrückt", so der Experte: "Das Christentum wandelt sich von einer Religion in ein Element kultureller Identität."
Kanonistik-Experte Kalb legte anschließend dar, dass sich der säkularisierte Staat in Europa heute als "weltanschaulich neutraler Staat mit umfassender Verbürgung der Glaubens- und Gewissensfreiheit für seine Bürger" darstelle. In Österreich sei das bestehende Modell der Kooperation von Staat und Religionen in den Eckpunkten unverändert, als Stabilitätsfaktor dafür fungiere die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofes.
Die Kirchen haben ihre über Jahrhunderte gewohnte Position in der Gesellschaft verloren, heißt es in einer Zusammenfassung der Diözese Linz über den ersten Sommerakademietag. Für eine Vielzahl der Menschen habe Religion im Alltag kaum mehr Bedeutung. Somit stelle der jesuanische Auftrag aus der Bergpredigt an die Gläubigen, als inspirierendes "Salz der Erde" zu wirken, die christlichen Kirchen vor existenzielle Herausforderungen. Dies erst recht nach den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, durch die die Zahl der Gottesdienstbesucher "noch einmal gravierend zurückgegangen" sei. In einzelnen Staaten ebenso wie für die Europäische Union insgesamt gelte: Die traditionellen Privilegien der Kirchen im Rechtssystem werden zunehmend eingeschränkt oder ganz abgeschafft.
Der biblische Auftrag bestehe für Christgläubige aber auch in der Gegenwart fort. Die Tagung steht unter dem Anspruch, neue Chancen und Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich aus der veränderten Situation ergeben.
Landeshauptmann Stelzer betonte in seinen Eröffnungsworten: "Wir brauchen die Kirchen als starkes Gegengewicht zur zunehmenden Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft." Kirchen seien nicht nur das soziale Gewissen, "sie tragen auch zur Sinnstiftung bei und geben in einer sehr bewegten Welt Halt." Hilfreich dabei sei das gute Miteinander der Religionen und Konfessionen in Österreich.
"Was bleibt, wenn die Volkskirche erodiert ist, wenn die Staatsreligion 'Christentum' verdrängt ist? Frustrierte Leere oder eine Chance für das Christentum, zu sich selbst zu kommen?", fragte eingangs Rektor Niemand.
Superintendent Lehner nimmt - wie er sagte - "deutliche Tendenzen" aus der evangelischen Kirche wahr, dass die Kirche in einer säkularen Gesellschaft immer die Orientierung verliere: "Immer mehr wenden wir uns der Welt zu, immer weniger - provokant gesagt - Gott", so Lehner selbstkritisch. Beide Dimensionen dürften freilich nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Bischof Cilerdzic warb dafür, die Verständigung der Kirchen untereinander noch mehr zu vertiefen. Die Sommerakademie trage alljährlich wesentlich zum Dialog der Ökumene bei und könne wertvolle Impulse setzen.
Am Donnerstag referiert Elisabeth Birnbaum, Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks, zum Thema "Würzen, wirken, wandeln - Biblische Impulse". Rade Kisic, orthodoxer Theologe an der Universität Belgrad, widmet sich dem Thema "Zwischen Nationalkirche und Diaspora - Erfahrungen aus der serbisch-orthodoxen Kirche". Isabella Bruckner, Professorin für Christliches Denken und spirituelle Praxis am Päpstlichen Athenäum Sant'Anselmo in Rom, beleuchtet das Thema "Öffentlich feiern in postsäkularer Pluralität". "Allianzen zwischen kirchlichen und säkularen Initiativen" beleuchtet Gerti Rohrmoser, Direktorin der Evangelischen Frauenarbeit in Österreich.
Am Freitag, 14. Juli, bildet eine Podiumsdiskussion zum Thema "Christentum und Europa" mit Cilerdzic, Ex-EU-Kommissar Franz Fischler, Synoden-Präsident Peter Krömer, sowie Laszlo Nemet, Erzbischof von Belgrad und Vizepräsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) den Abschluss der Tagung.