Administrator Josef Grünwidl im ORF-Interview über Reformen, Glaubenssuche und die Zukunft der Erzdiözese Wien
Im Gespräch mit ZiB 2-Moderatorin Marie-Claire Zimmermann gab Administrator Josef Grünwidl am Donnestagabend Einblicke in die aktuellen Herausforderungen der katholischen Kirche in Österreich. Er sprach über notwendige Reformen, die veränderte Glaubenslandschaft und die Zukunft der Erzdiözese Wien.
Auf die Frage nach den Gründen für den Rückgang an Gläubigen betonte Grünwidl, dass es sich um ein vielschichtiges Problem handle. „Die katholische Kirche in Westeuropa befindet sich mitten in einem rasanten Transformationsprozess“, so der Administrator. Neben demografischen Faktoren wie sinkenden Geburtenraten und Austritten spiele auch die veränderte religiöse Landschaft eine zentrale Rolle. Grünwidl wies auf eine ORF-Umfrage hin, der zufolge sich trotz zunehmender Konfessionslosigkeit viele Österreicher weiterhin als gläubig, religiös oder spirituell bezeichnen. „Das zeigt deutlich, dass Spiritualität weiter existiert, aber in neuen Formen“, erklärte er. Für die Kirche bedeute das, „sensibel zuzuhören, welche Fragen Menschen heute bewegen und wie der Glaube ihnen Halt geben kann, ohne Menschen hinter sich zu lassen, die andere Sichtweisen haben.
Um die Kirche wieder näher an die Menschen zu bringen, müsse man „nicht alles neu erfinden“, sagte Grünwidl. „Schließlich haben wir mit dem Evangelium die beste Botschaft, in der es um Frieden, Versöhnung, Gemeinschaft und Hoffnung geht. Und das ist das, was wir heute brauchen.“ Er ist überzeugt: „Würden wir das glaubwürdiger und authentischer verkünden, dann hätten wir auch mehr Chancen, mit der Botschaft bei den Menschen anzukommen.“ Er räumte ein, dass dies nicht überall gleichermaßen gelinge: In vielen Gemeinden sei man bereits auf einem guten Weg, aber es gebe „auch noch Luft nach oben“.
Grünwidl sprach auch über die Notwendigkeit von Reformen, insbesondere im Bereich des Zölibats und der Rolle der Frauen in der Kirche. Er stellte klar, dass es „meiner Meinung nach an der Zeit ist, bei den beiden Themen Veränderungen einzuleiten“. Die ehelose Lebensform für Priester habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben, „aber freiwillig, nicht verpflichtend. Das wäre mein Zugang.“ Mit Blick auf den neuen Papst Leo XIV. zeigte sich Grünwidl zuversichtlich, dass dieser den Weg von Papst Franziskus weitergehen werde – mit Schwerpunkt auf Synodalität und einem besseren Miteinander von Klerus und Kirchenvolk.
Seit dem Rücktritt von Kardinal Christoph Schönborn vor sieben Monaten leitet Grünwidl die Erzdiözese als vom Papst ernnnter Verwalter (Apostolischer Administrator). Er gab zu, dass auch er sich manchmal frage, warum das so lange dauere, zugleich aber sei es wichtig, „dass ein guter Bischof gefunden wird“. Und wenn das augenscheinlich länger dauert, „dann kann ich gut damit leben.“ Die Verzögerung sei nicht ungewöhnlich, da die Anforderungen und die umfassende Verwaltungsverantwortung hoch seien. Auf die Frage, ob er selbst als künftiger Erzbischof infrage komme, ließ Grünwidl die Antwort offen. „Wenn es wirklich so sein sollte, werde ich schauen, wie ich mich dann entscheide“, sagte er. Er hält es für realistisch, dass der neue Erzbischof noch in diesem Jahr – möglicherweise im Herbst – ernannt wird.
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